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Donnerstag, 17. November 2016

Buchtipp: "Die Nachtigall" von Kristin Hannah

Inhalt:



Zwei Schwestern. Die eine kämpft für die Freiheit. Die andere für die Liebe.
Der Weltbestseller – die Nr. 1 aus den USA.
Zwei Schwestern im von den Deutschen besetzten Frankreich: Während Vianne ums Überleben ihrer Familie kämpft, schließt sich die jüngere Isabelle der Résistance an und sucht die Freiheit auf dem Pfad der Nachtigall, einem geheimen Fluchtweg über die Pyrenäen. Doch wie weit darf man gehen, um zu überleben? Und wie kann man die schützen, die man liebt? 
In diesem epischen, kraftvollen und zutiefst berührenden Roman erzählt Kristin Hannah die Geschichte zweier Frauen, die ihr Schicksal auf ganz eigene Weise meistern.
In den USA begeisterte „Die Nachtigall“ Millionen von Lesern und steht seit über einem Jahr auf der Bestsellerliste.

(Bild- und Textquelle: Aufbau Verlag)





Meinung:


Einstieg ins Buch:
Wenn ich in meinem langen Leben eines gelernt habe, dann ist es Folgendes: In der Liebe finden wir heraus, wer wir sein wollen; im Krieg finden wir heraus, wer wir sind.

Dieser faszinierende Roman erzählt von dem in zwei Zonen geteilten Frankreich im 2. Weltkrieg, aus der Sicht von zwei Schwestern, Vianne und Isabelle. 

Vianne, verheiratet mit Antoine, hat eine Tochter Sophie von ihrem geliebten Ehemann. Als er 1939 in den Krieg eingezogen wird, verändert sich ihr Leben radikal und fordert von ihr mehr als Mut um das Überleben ihrer Familie zu sichern. 

Isabelle rebelliert, seit dem Tod ihrer Mutter, wo sie kann und bringt damit alle Menschen in ihrer Nähe in Gefahr. Als Hauptmann Beck bei Vianne einquartiert wird verschlechtert sich die Beziehung zwischen den beiden Schwestern. Sie verteilt heimlich Flugblätter für die Rèsistance-Bewegung, die sich gegen den Feind, die Deutschen, verzweifelt wehrt. Auf ihren Verteil-Touren findet sie einen britischen Piloten, der abgeschossen wurde und ein Versteck sucht. Isabelle bringt ihn zu Lèvy und Anouk, die der Rèsistance angehören. Sie wissen, dass er nach Hause gebracht werden muss, sonst wird er von der SS erschossen. Gemeinsam planen sie eine Fluchtroute, die ihn und andere Piloten durch das besetzte Land über die Pyrenäen durch die Grenze nach Spanien führen soll. Isabelle führt die Piloten durch den gefährlichen und beschwerlichen Fluchtweg und schafft es tatsächlich, mit Hilfe von Freunden ihrer Eltern, die Piloten vor der Nase der Deutschen nach Spanien zu bringen. 

Als Isabelle sich mit einem abgestürzten Piloten, einem Amerikaner, im Schuppen hinter dem Haus von Vianne versteckt und Herr Beck das Versteck ausfindig macht, eskaliert die Situation. Um ihre Schwester vor dem sicheren Tod zu retten, erschlägt Vianne den Hauptmann mit einer Schaufel und Isabelle erschiesst den Deutschen. Freunde der Rèsistance-Bewegung lassen den jungen Hauptmann verschwinden. 

Vianne übersteht das Verhör der SS und es quartiert sich Hauptsturmführer Richter bei ihr ein. Er nützt seine Macht schamlos aus und zwingt sie unter anderem mit ihm das Bett zu teilen. Gedemütigt muss sie miterleben wie ihre beste Schulfreundin Rachel, Jüdin, von der französischen Polizei in ein Arbeitslager deportiert wird. Den vierjähriger Sohn Ari nimmt Vianne zu sich und muss ihm nun einen neuen Namen, eine neue Identität geben. Mit Hilfe der Freunde von Isabelle beschafft sie ihm einen neuen Ausweis. So heisst er ab sofort Daniel und Vianne ist seine neue Mama. 

Weitere hilflose Jüdinnen bringen ihre Kinder, die sie alleine zurück lassen sollen, zu Vianne. Sie versteckt die jüdischen Kinder in einem Kinderheim, die dann dort eine neue Identität als Franzosen erhalten und das wenig essen teilen, das noch vorhanden ist. 

Die Nazis fahnden weiter nach "Der Nachtigall" Isabelle. Lange ohne Erfolg. Vielen jungen Piloten kann sie so die Heimkehr ermöglichen. Doch ein Spion verrät die Rèsistance und so verhaften sie alle, auch Isabelle. Sie wird von der SS verhört, geschlagen und misshandelt. Isabelle wird in ein KZ abgeschoben und erlebt das Grauen und die brutale Realität in diesem Frauen-Lager. 

Als die Amerikaner das gebeutelte Land befreien, ist Vianne bereits schwanger von Richter. Antoine ist aus dem Arbeitslager geflohen und kehrt zurück zu seiner Frau. Auch Isbelle wird aus dem KZ befreit, stirbt dann aber an Typhus und Lungenentzündung in den Armen ihres Geliebten Gaeton. 

Diese Geschichte hat mich zu tiefst bewegt und aufgewühlt. Ich habe schon einiges zu diesem Thema gelesen, doch hier trifft die klare und einfache Schreibweise der Autorin, ohne Wertung und doch mit so viel Tiefgang jeden Leser. Das Buch ist ein Lesegenuss, hat mich immer wieder zum innehalten bewegt, obwohl es aus einem düsteres Kapitel unserer Welt-Geschichte erzählt. 

Ich denke  an alle Frauen, die im 2. Weltkrieg ihre Würde verloren haben, aber nie ihren Mut und danach einfach weiter gearbeitet, geheilt und geliebt haben. Sie haben aus meiner Sicht die Orden verdient, die sie wohl nie erhalten haben.


Buchtipp von Prisca Schweizer




Infos zum Buch:


Kristin Hannah: "Die Nachtigall", Rütten & Loening (11. September 2016), 608 Seiten, ISBN 978-3352008856

Donnerstag, 19. Juni 2014

[Buchtipp] "Und dann kam Paulette" von Barbara Constantine

Inhalt:


Fast zwei Monate ist es her, dass Ferdinands Sohn mit Frau und Kindern ausgezogen ist. Seitdem lebt Ferdinand mit seinem Kater allein auf dem großen Bauernhof. An manchen Tagen fragt er sich, wie er dieses einschneidende Erlebnis ohne das Tier verkraftet hätte. Marceline lebt seit vielen Jahren in dem Ort, wo Ferdinand seinen Bauernhof hat. Ein tragisches Ereignis hat sie dazu veranlasst, ihren Beruf als Cellistin an den Nagel zu hängen und ihre Heimat Polen zu verlassen. Doch nun droht ihr im wörtlichen Sinne die Decke auf den Kopf zu fallen, und sie muss noch einmal von vorne beginnen. Und wenn Ferdinand und Marceline sich einfach zusammentäten? Eine WG gründeten, um der Einsamkeit zu trotzen? Es ist ein Experiment, und es glückt. Nach und nach kommen immer mehr Bewohner dazu. Alle haben ihr Päckchen zu tragen, aber alle wollen auch die schönen Seiten des Lebens genießen und finden heraus: Zusammen wohnt man besser als allein.

(Bild- & Textquelle: rowohlt)



Meinung:


Einstieg ins Buch:
Den Bauch hat er ans Lenkrad gepresst, die Nase klebt an der Windschutzscheibe, Ferdinand ist ganz auf die Strasse konzentriert. Der Tachozeiger hat sich auf fünfzig eingependelt, das ideale Tempo.

Dieser federleichte Roman über das Thema „alt werden, loslassen und sich verändern“, hat mich sehr berührt. Ohne den Mahnfinger zu heben, erzählt uns die Autorin, wie die Zukunft von älteren Menschen aussieht, wie man mit Respekt, Verständnis und  Liebe diesen Abschnitt des Lebens bewältigen könnte. Dieses Buch macht Mut und Hoffnung. Auch der Umgang mit dem Tod und dem würdigen Sterben, sowie die Geburt eines Kindes sind in dieser Geschichte verpackt, wirken aber nie lächerlich oder unpassend. Ein Buch mit Herz und Verstand.

Ferdinand, der Hauptprotagonist, ist mir am Anfang unsympathisch, entwickelt sich dann im Laufe des Romans zusehends zu einem kompetenten und netten Kerl.  Er nimmt sein Leben plötzlich selber in die Hand und merkt, dass viele Menschen um ihn herum genauso ein schwieriges Dasein wie er führen. Da er im Besitz eines grossen Bauernhofes ist, der durch den Auszug seines Sohnes jetzt ganz leer steht, nimmt er zuerst seine Nachbarin Marceline bei sich auf. Sie müssen sich aneinander gewöhnen und finden dann eine gute Lösung, damit beide Parteien sich wohl fühlen. Nach und nach ziehen verschiedene Personen, sein Jugendfreund, zwei alte Damen, eine junge Krankenschwester und ein Student, auf Ferdinands Hof ein. Plötzlich ist es wieder interessant und spannend in Ferdinands Leben. Die WG entwickelt sich gut, obwohl viele Turbulenzen vorprogrammiert sind. Sie werden Selbstversorger, pflanzen Gemüse und nehmen Tiere bei sich auf. Doch Paulette verändert dann alles dagewesene…


In Frankreich ist dieser Roman ein Nr. 1-Bestseller.  Ich finde, dass Barbara Constantine eine leicht lesbare Geschichte geschaffen hat,  die aber viele Themen der heutigen Zeit anspricht, oder sogar Lösungen dazu anbietet. 


Buchtipp von Prisca Schweizer



Infos zum Buch:


Constantine, Barbara: "Und dann kam Paulette", 320 Seiten, Kindler (8. März 2013), ISBN: 978-3463406411



Donnerstag, 21. November 2013

Neuzugänge in der erwachsenen Belletristik

Nach dem Kassensturz hatten wir noch ein bisschen Geld übrig und so haben wir es gut in Bücher investiert. Folgende neue Bücher sind ab sofort in der Ausleihe:

(Wenn Sie auf das Cover klicken, kommen sie zur Buchbeschreibung.)




Wir wünschen kurzweilige Lesestunden.

Ihr Medaitheksteam



Donnerstag, 15. August 2013

[Buchtipp] "Beautiful Disaster" von Jamie McGuire

Inhalt:

Als sie Travis zum ersten Mal in die Augen blickt, ist nichts mehr wie zuvor. Abby fühlt sich unwiderstehlich von ihm angezogen, obwohl er alles ist, was sie nicht will: ein stadtbekannter Womanizer, arrogant, unverschämt – aber leider auch unverschämt sexy. Doch dann lässt Abby sich auf eine verhängnisvolle Wette mit ihm ein und gerät in ein gefährliches Spiel voller Hingabe und Leidenschaft, das sie bis an ihre Grenzen treibt…

(Bild- und Textquelle: Piper)





Meine Meinung:


Einstieg ins Buch:
Alles in dem Raum schrie mir entgegen, dass ich dort nicht hingehörte.

Abby und ihre Freundin America sind in ihr erstes Collegejahr eingestiegen und durch Americas Freund Shepley kommt Abby an einen illegalen Fight in irgend einem Keller. Mit ihrer pinkfarbenen Kaschmirstrickjacke und den Perlenohrringen scheint sie alles andere als am richtigen Platz und so sticht sie auch Shepleys Cousin Travis sofort ins Auge. Dieser vereint jedoch alle Komponenten, die Abby meiden möchte: Er ist der Star der Kellerfights, ein stadtbekannter Womanizer und sieht mit seinen zahlreichen Tattoos verdammt gut aus - und weiss das auch ganz genau. So zeigt sie ihm klar und deutlich die kalte Schulter, doch das animiert Travis nur noch mehr, denn er ist es nicht gewohnt, dass ihn eine Frau abblitzen lässt. Durch eine Wette kommen sich die beiden näher und Abby muss sich langsam aber sicher eingestehen, dass Travis auch eine sehr charmante und zuvorkommende Seite hat.
Es beginnt eine interessante Kennenlernzeit mit witzigem Schlagabtausch.

Das Buch ist aus der Sicht von Abby geschrieben, was hier wirklich sehr passend ist. Wir sehen in ihr Inneres und merken bald, dass da vielleicht mehr als eine pinkfarbenen Kaschmirstrickjacke und Perlenohrringe sind. Abby ist an die Eastern University gegangen, um ihre Vergangenheit, ein dunkles Kapitel ihres Lebens, hinter sich zu lassen. Was genau das ist, erfährt man erst im Verlaufe der Geschichte, doch sie hat Angst, dass diese sie wieder einholt, wenn sie sich auf Travis einlässt.
Abby ist eine taffe und sehr sympathische Protagonistin, die mir sofort ans Herz gewachsen ist, doch seien wir einmal ehrlich und geben zu, dass nicht die ich-Erzählerin der Höhepunkt dieser Geschichte ist sondern ihr Gegenpol ...

... ein Protagonist, dessen Hobbys Frauen auf dem Sofa flach legen und für Geld kämpfen ist. Ein Protagonist, der arrogant, aufbrausend, aggressiv, sehr eifersüchtig und besitzergreifend ist. Ein Protagonist, der nur die Extreme kennt und lebt. Ein Protagonist, der erst einmal lernen muss, was Liebe ist ... und doch - oder gerade deshalb - lieben wir ihn alle: Travis.

"Es ist gefährlich, jemanden so sehr zu brauchen. Du versuchst, ihn zu retten, und er hofft, dass dir das gelingt. Ihr beide seid ein Desaster." Abby lächelte. "Es spielt keine Rolle, was es ist oder warum. Wenn es gut ist ... ist es wunderschön."

Die Beziehung zwischen Abby und Travis ist ein ewiges Hin und Her. Streit, Ängste, Eifersucht, Besessenheit, Trennung, Versöhnung, ... und man hofft auf ein Happy End und ist sich doch gar nicht sicher, ob die Autorin das genau so sieht, denn beides ist hier möglich. Und so liest man sich regelrecht in einen Rausch, denn obwohl es "nur" eine Liebesgeschichte ist, muss man einfach wissen, wie es mit den beiden ausgeht. Das Ende dann - naja - etwas dick aufgetragen, Amerika halt, doch irgendwie passt es einfach, denn "Beautiful Disaster" ist eine verdammt verrückte Bad Boy Lovestory oder wie der Titel schon sagt, ein schönes Desaster.

Die Sprache ist wie die Handlung zum Teil etwas kraftvoller und man darf sich von einige Fluchwörter und Blutspritzern nicht abschrecken lassen. Jamie McGuire baut aber gekonnt eine dichte Atmosphäre auf, der ich mich nicht mehr entziehen konnte und mit ihrem prägnanten Schreibstil intensiviert sie das ganze noch.
"Beautiful Disaster" ist prickelnd, fesselnd, sexy und einzigartig anders.

Für mich gab es nur einen kleinen Kritikpunkt. Vom ersten Zusammentreffen an nennt Travis Abby Täubchen/Taube. Und diesen Kosenamen nutzt er so oft, dass ich ab und an die Augen verdrehen musste. Zudem finde ich es schade, dass man nicht erfährt, wie er gerade darauf gekommen ist.


Fazit:

"Beautiful Disaster" hat nicht nur Suchtpotential, es ist die Droge. Um allfällige Nebenwirkung möglichst gering zu halten, empfiehlt es sich, genügend Zeit einzuplanen, sich völlig abzuschotten und das Buch an einem Stück zu verschlingen. Mögliche Nebenwirkungen: Atemlosigkeit, Herzrasen, Kribbeln in der Bauchgegend, unkontrollierte Gefühlsausbrüche, Schlaflosigkeit. Falls jemand "Beautiful Disaster" noch nicht kennt, sollte er auf dem schnellsten Weg unsere Bibliothek aufsuchen.


Buchtipp von Nicole Forrer



Infos zum Buch:

McGuire, Jamie: “Beautiful Disaster”, 464 Seiten, Piper Taschenbuch (16. April 2013) , ISBN 978-3-492-30334-7
New Adult

Dienstag, 23. April 2013

[Buchtipp] "Hikikomori" von Kevin Kuhn

Till hat alle Freiheiten: er geht auf »die freieste Waldorfschule der Welt«, seine Eltern — ein anthroposophisch motivierter Schönheitschirurg und die Kuratorin eines innovativen SchauRaums — fördern ihn, wo sie nur können. Als er nicht zum Abitur zugelassen wird, ist er plötzlich auf sich selbst zurückgeworfen und beginnt nachzudenken: Was soll aus mir werden, fragt er sich und beschließt so lange in seinem Zimmer auszuharren, bis er darauf eine Antwort weiß.
Aus dem Zimmer wird ein Kokon, im Rückzug auf sich selbst glaubt er voranzukommen. Schließlich beginnt Till mit der Kreation einer autarken, nach seinen Regeln funktionierenden Separatwelt: Welt 0 — ein Zufluchtsort für alle, denen die reale Welt zu fordernd oder auch zu eingeschränkt ist. Und Till ist ihr Garant, denn er kämpft nicht nur für sich, sondern für eine ganze Generation, die in ihren Zimmern sitzt.

(Bild- und Textquelle: Berlin Verlag)


Meinung:


Der Begriff Hikikomori, japanisch für “sich einschließen, gesellschaftlicher Rückzug”

Till wächst auf den ersten Blick wunschlos glücklich auf; seine Eltern haben die finanziellen Verhältnisse, um Till viele Dinge zu ermöglichen und ihn zu fördern. Sein Vater ist Schönheitschirurg und seine Mutter Kuratorin in ihrem eigenen Ausstellungsraums. In Till erkennen sie alle möglichen Talente und doch hat er immer wieder Schwierigkeiten. Er besucht eine “freie Waldorfschule” und als er nicht zum Abitur zugelassen wird, bricht für ihn eine Welt zusammen.

Till zieht sich in sein Zimmer zurück und beginnt, sich sonderbar zu verhalten. Entfernt seine Möbel, bricht den Kontakt zu seinen Freunden und zu seiner Freundin Kim ab, verbringt viel Zeit vor seinem Computer, hört auf, sich um sich selbst zu kümmern. Von einem Tag auf den anderen weigert er sich am Familienleben weiter teilzunehmen. Stattdessen begibt er sich in eine fiktive Onlinewelt, spielt ein Spiel namens Medal of Honor, in dem er sich verliert, das für ihn der einzige Inhalt seiner immer gleich verlaufenden Tage wird. Die reale Welt hat Till fallen gelassen, deshalb begibt er sich in eine Welt, die auf einem Server zu Hause ist, mitten hinein in ein V2-Raketen-Szenario.

Aus dem Computerspiel heraus entsteht etwas Größeres: Till erschafft sich eine Parallelwelt, die nach seinen Regeln, nach seinen Wünschen funktioniert.

“ich habe etwas vor, kim. ich will zeit und raum selbst bestimmen. das eine rinnt mir durch die Finger, dem anderen rinne ich durch die Finger. Zumindest will ich selbst bestimmen, was da durchrinnt. alles andere soll an mir abprallen.”

Welt 0. Ein Ort, an den Till und seine Online-Freunde vor der realen Welt flüchten können, ohne ihr Zimmer verlassen zu müssen. Ein Ort, an dem Träume wahr werden können, ohne, dass man dafür wirklich etwas riskieren muss. Ein Ort für all diejenigen, die an den Anforderungen des Alltags, dem Druck, den Verpflichtungen, den Erwartungen zerbrechen. Auch Till spürt dieses “Gefühl eines permanenten, sich nur langsam lösenden Druck”, der schon so lange auf ihm lastet, dass er ein Teil von ihm geworden ist. Diese Gefühle haben Till in die Isolation getrieben.

“Als wäre mein Fenster ein Bildschirm und alles dahinter lediglich ein Bild, ein altbekannter Desktophintergrund, den ich spaltenweise ausradierte. Für mich, der ich seitdem in der Dunkelheit lebe, gibt es außerhalb nichts mehr. Auch meine Erinnerung daran verblasst. Man muss nur die Tür hinter sich zuziehen, und schon ist man auf der Schwelle zu einer anderen Welt. Zu der Welt, die man in sich trägt, die von der Außenwelt unterdrückt wurde, der man die Luft zum Atmen nahm.”

Gemeinsam mit Till erlebt der Leser, was passieren kann, wenn man aus dieser Parallelwelt nicht mehr zurückkehrt, wenn man sich immer stärker in einer Traumwelt verstrickt und den Weg zurück nicht mehr findet.

Im Mittelpunkt seines Romans steht die virtuelle Welt, ihre Grenzen, ihre Gefahren, aber auch der Reiz und die Fluchtmöglichkeiten die dieser Ort für Menschen bietet, die an der Gesellschaft, am Druck, an den Anforderungen zerbrechen. Till glaubt in seiner neuen Onlinewelt wieder jemand zu sein, “ein besonderer Mensch” zu sein. Er ist irgendwann nicht mehr in der Lage dazu zu stehen, dass es auch in der Realität Menschen gibt, die sich um ihn sorgen, die sich für ihn interessieren.

Kevin Kuhn beschäftigt sich in seinem Roman mit einem hochaktuellen Thema unserer Gesellschaft und es gelingt ihm mithilfe seiner Hauptfigur Till einige sehr greifbare Einblicke in mögliche Gefahren und Risiken unserer global vernetzten Welt zu geben.

Ich habe “Hikikomori” sehr gerne und mit viel Interesse gelesen. Die Sprache von Kevin Kuhn ist schnörkellos und lässt sich flüssig lesen. Sprachlich stechen sicherlich Tills Briefe und E-Mails an Kim heraus, die mich besonders begeistert haben. “Hikikomori” ist anders, ungewöhnlich, löst stellenweise die Grenzen zwischen Fiktion und Realität auf, aber es lohnt sich, sich auf dieses Abenteuer einzulassen. Kevin Kuhn rückt Menschen in den Mittelpunkt, die es unter uns heutzutage zu Dutzenden gibt: Menschen, die sich in der virtuellen Welt verloren haben. Ich habe das Buch mit der Hoffnung zugeklappt, dass Till vielleicht irgendwann einen Weg zurück finden wird.


Kevin Kuhn wurde 1981 in Göttingen geboren und lebt heutzutage in Berlin. Er hat Philosophie, Kunstgeschichte und Religionswissenschaft studiert, sowie Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus. Er war Stipendiat des textwerk-Romanautorenseminars des Literaturhaus München und hat 2012 den Gargonza Arts Award gewonnen. “Hikikomori” ist Kevin Kuhns Romandebüt.

Buchtipp von Susanne Heeb

Infos zum Buch:

Kevin Kuhn: “Hikikomori”, 224 Seiten, Berlin Verlag (10. September 2012), ISBN 978-3827011169

Donnerstag, 4. April 2013

[Buchtipp] "Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry" von Rachel Joyce

Eigentlich wollte er nur zum Briefkasten. Dann geht er 1000 Kilometer zu Fuß.
Ein unvergesslicher Roman, der die ganze Welt erobert.

Ich bin auf dem Weg. Du musst nur durchhalten. Ich werde Dich retten, Du wirst schon sehen. Ich werde laufen, und Du wirst leben.
Harold Fry will nur kurz einen Brief einwerfen an seine frühere Kollegin Queenie Hennessy, die im Sterben liegt. Doch dann läuft er am Briefkasten vorbei und auch am Postamt, aus der Stadt hinaus und immer weiter, 87 Tage, 1000 Kilometer. Zu Fuß von Südengland bis an die schottische Grenze zu Queenies Hospiz. Eine Reise, die er jeden Tag neu beginnen muss. Für Queenie. Für seine Frau Maureen. Für seinen Sohn David. Für sich selbst. Und für uns alle.

Ein ganz außergewöhnlicher und tief berührender Roman – über Geheimnisse, besondere Momente und zufällige Begegnungen, die uns von Grund auf verändern. Über Tapferkeit und Betrug, Liebe und Loyalität und ein ganz unscheinbares Paar Segelschuhe.
(Bild- und Textquelle: Fischer)


Meinung:


Ein Brief verändert Harold Frys Leben. Durch ihn hinterfragt er sein "perfektes" Leben und schaut hinter die Fassade, denn seit seiner Pensionierung gibt es nichts mehr zu tun für ihn und so findet er eine neue Aufgabe, er läuft, um seine ehemalige Arbeitskollegin Queenie am Leben zu halten. Er macht sich also auf den Weg von ganz im Süden einmal längs durch England zu laufen, woher der Brief ihn erreicht hat. Während seiner Wanderung hat Harold viel Zeit zum Nachdenken und so rollt er sein Leben nach und nach auf und hinterfragt sehr vieles. So erfahren wir als Leser nach und nach, was es mit Queenie auf sich hat, wie es um Harolds Ehe steht und was es mit seinem Sohn los ist. Obwohl die meisten Erinnerungen für ihn schmerzhaft sind, kommt er gut voran solang er sich auf seinen Weg konzentrieren kann. Die meisten Leute, die er trifft - und auch seine Frau - schauen sein Vorhaben als eine unmögliche Idee an, doch für ihn ist das die Möglichkeit, in sich zu gehen, sein Leben Revue passieren zu lassen und zu überlegen, was die Zukunft für ihn noch bereithalten könnte.
 
Wenn wir nicht ab und zu was Verrücktes tun, können wir uns gleich begraben lassen.

Die Kapitel werden vorwiegend aus der Sicht von Harold erzählt, doch ab und zu erhalten wir auch einen Einblick in die Gefühls- und Gedankenwelt seiner Frau. Das finde ich sehr spannend, denn so sehen wir die ganze Sache aus zwei grundverschiedenen Perspektiven. Denn was soll man denken, was soll man machen, wenn der eigene Mann einen Brief einwerfen möchte und dann plötzlich beschliesst, 1000 Kilometer zu einer ehemaligen Arbeitskollegin zu gehen?.
Rachel Joyce hat einen sehr schönen Schreibstil und beschreibt vor allem die Landschaften sehr bildhaft. Zudem findet man in ihrem Buch viel emotionale Tiefe und fast schon Poesie. In "Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry" entdeckt man sehr viele unheimlich schöne und eindrückliche Textstellen, manchmal auch nur einzelne Sätze.
Es ist eine Geschichte über Freundschaft, Familie, Liebe, Selbstfindung und vor allem auch Vergebung. Vergebung anderen aber auch sich selbst gegenüber. Auf seinem Weg denkt Harold über wirklich wichtige Dinge im Leben nach, die nach und nach in den Hintergrund geraten sind oder über die er sich nie den Kopf zerbrechen wollte. So hat Rachel Joyce einen Roman geschaffen, der den Leser berührt und selber auch etwas aufrütteln möchte.


Die Luft roch grün und nach tausendfachem Neubeginn

Obwohl dieser Roman nicht mit wirklich viel Spannung oder Action aufwarten kann, konnte er mich weitgehendst fesseln, denn er macht einen neugierig. Der Leser möchte wissen, was es denn mit Queenie wirklich auf sich hat und so macht er sich mit Harold zusammen auf den Weg, lernt mit ihm die verschiedensten Menschen und Meinungen kennen und Harold wächst einem mit seiner doch recht naiven Art immer mehr ans Herz.
Im zweiten Drittel hatte das Buch für mich einige Längen und es erinnerte mich stark an den Film "Forest Gump". Vor meinem inneren Auge sah ich oft, wie Forest Gump läuft, sein Bart immer länger wird und immer mehr Leute ihm folgen . . . Diese Parallelen haben mich doch gestört.

 

Fazit:

"Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry" ist eine ruhige Geschichte, die tiefer geht als ich zu Beginn vermutet hätte und mich wirklich faszinieren konnte. Sie zeigt einem wieder einmal auf, dass man das Jetzt viel intensiver leben sollte, damit man später nicht zu vielem Unterlassenem nachtrauert.
 
Buchtipp von Nicole Forrer

Infos zum Buch:

Rachel Joyce: “Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry”, 352 Seiten, FISCHER Krüger (14. Mai 2012), ISBN 978-3810510792

Sonntag, 17. März 2013

[Buchtipp] "Vampire Academy 01. Blutsschwestern" von Richelle Mead

Info:

St. Vladimir’s ist eine Schule für junge Vampire. Auch Rose Hathaway – halb Mensch, halb Vampirin – wird hier zur Wächterin ausgebildet. Sie hofft, eines Tages ihre beste Freundin Lissa zur Seite zu stehen, der letzten Überlebenden
der Vampirfamilie Dragomir. Da kommt es zu einer Reihe merkwürdiger Vorfälle.
Irgendjemand scheint es auf Lissas Leben abgesehen zu haben. Der Einzige, dem sich Rose anvertrauen kann, ist der attraktive Wächter Dimitri…
(Bild- und Textquelle: Lyx Verlag)


meine Meinung:


Einstieg ins Buch:
“Ich spürte ihre Angst, noch bevor ich ihre Schreie hörte.”

Obwohl es im Buch viele neue Begriffe für mich gab (z.B. Moroi, Damphire, Strigoi), bin ich gut in die Geschichte reingekommen, denn die Autorin erklärt die Begriffe nach und nach.

Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von Rose, allerdings gibt es auch immer wieder Eindrücke und Erlebnisse aus der Sicht von Lissa. Zwischen den beiden Mädchen besteht nämlich ein Band, welches Rose ermöglicht, immer die Gefühle ihrer Freundin zu fühlen und bei besonders starken Schwankungen in deren Kopf hinüberzugleiten. Warum, weshalb, wieso das so ist- erklärt sich mit der Zeit.

Die Protagonistin selbst ist wunderschön und lenkt die Aufmerksamkeit vieler Jungs auf sich. Gleichzeit ist sie aber auch vorlaut, rebellisch und aufmüpfig. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund und all diese Charakterzüge bringen ihr nicht nur Sympathien unter ihren
Mitschülern und Lehrern ein. Auf der andern Seite ist sie aber auch verletzlich, einsam, fühlt sich von ihrer Mutter im Stich gelassen und von der Welt nicht verstanden. Trotz allem ist es ihr grösstes Ziel, ihr Leben ganz ihrer Freundin Lissa hinzugeben und alles in ihren Kräften liegende zu tun, um diese zu schützen und für sie da zu sein. All diese Eigentschaften machen Rose authentisch und für mich sympathisch.

Vom Inhalt her hat das Buch etwa drei Hauptstränge, die miteinander verwoben wurden. Einer ist der Schulalltag. Da findet man die typischen Themen wie Lernen, Hausaufgaben, Cliquen, Freundschaften und Intrigen. Dann gibt es die ganze Geschichte mit der Gefahr,
die von den Strigoi ausgeht. Während Rose immer mehr wieder in ihr altes Internatleben zurückfindet, driftet Lissa immer mehr ab, verletzt sich selbst und muss “Anschläge” gegen sich ertragen. Zudem freundet sie sich “scheinbar” mit den falschen Leuten an. Und dann gibt es natürlich auch noch eine Liebesgeschichte zwischen Rose und Dimitri, ihrem Mentor, die noch die gewisse Romantik in die ganze Geschichte bringt.

Der Schreibstil von Richelle Mead hat mir wirklich gut gefallen. Das Buch lässt sich locker und flüssig lesen und ist über die gesamten 300 Seiten spannend. Sie hat gekonnt
witzige Situationen und einen Schuss Romantik eingebaut. Ich habe mich wunderbar unterhalten gefühlt und hatte das Buch nach 24h ausgelesen.

Für mich gibt es im Buch keinen wirklich negtiven Punkte, ausser dass einige Aspekte schon etwas klischeehaft sind, und so hat mich der Einstieg in die Reihe überzeugen
können und ich wede bestimmt bald einmal den zweiten Band lesen. Für mich ist
“Blutsschwestern” kein Buch, das einen zum Nachdenken bringt oder das einen
aufwühlt. Es ist einfach gute Unterhaltung, bei der man abschalten kann und das
Buch gar nicht mehr aus der Hand legen möchte.

Fazit:

“Vampire Academy 1 ; Blutsschwestern” ist ein gelungener Reihenauftakt, dermit Spannung, Witz und einem Schuss Romantik aufwarten kann.

Buchtipp von Nicole Forrer

Infos zum Buch:

Richelle Mead: “Vampire Academy 01 ; Blutsschwestern”, 302 Seiten, Lyx (15. Januar 2009)
ISBN 978-3802582011


Infos zur Reihe:

  1. Blutsschwestern
  2. Blaues Blut
  3. Schattenträume
  4. Blutschwur
  5. Seelenruf
  6. Schicksalsbande
Band 1-3 führen wir schon in unserer Mediathek, die restlichen Bände werden nach und nach dazukommen.


[Buchtipp] "Eismord" von Giles Blunt

Es herrscht tiefster Winter in Canada, alles ist zugefroren und vereist, es gibt massenweise Schnee.

Eine junge Frau hält sich unerlaubterweise in einem fremden Haus auf, welches zum Verkauf ausgeschrieben ist. Sie wird Zeugin eines Verbrechens. Zwei Menschen werden umgebracht. Die Leichen werden enthauptet aufgefunden, die Köpfe sind spurlos verschwunden. Wenig später werden sie grausig aufgespiesst an einer Schiffsanlegestelle gefunden. Bei den Ermordeten handelt es sich um reiche Amerikaner, welche im Pelztiergeschäft tätig waren.

Weitere mysteriöse Verbrechen geschehen. John Cardinal und seine Mitarbeiterin Lise Delorme nehmen die Fährte zum Mörder auf. Dabei kommen sie immer stärker in Berührung mit einer Killerorganisation, welche von einem Psychopathen angeführt wird.

Meinung:

Blunt schreibt in klarer und einfacher Sprache. Seine Geschichte ist sehr spannend und logisch. Der eiskalte Winter wird beim Lesen förmlich spürbar und trägt sehr viel zur Spannung der Geschichte bei.

Ausserdem beschreibt er meisterhaft die seelischen Abgründe des Psychopathen, welcher junge Erwachsene am Rande der Gesellschaft, zu seinen mörderischen Handwerkern manipuliert.

Die Person des Hauptkomissars John Cardinal ist glaubhaft und sympathisch beschrieben.

Buchtipp von Christina Capaul

weitere Thriller mit Johne Cardinal als Kriminalkommissar:

  • Gefrorene Seelen, 2004
  • Blutiges Eis, 2005
  • Kalter Mond, 2006
  • Eisiges Herz, 2007


Infos zum Buch:

Giles Blunt: “Eismord”, 416 Seiten, Droemer (2. November 2011)

ISBN: 978-3-426-19914-5

[Buchtipp] "Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand" von Jonas Jonasson


Inhalt:

Allan Karlsson hat Geburtstag. Er wird 100 Jahre alt. Eigentlich ein Grund zu feiern. Doch während sich der Bürgermeister und die lokale Presse auf das große Spektakel vorbereiten, hat der Hundertjährige ganz andere Pläne: er verschwindet einfach – und schon bald steht ganz Schweden wegen seiner Flucht auf dem Kopf. Doch mit solchen Dingen hat Allan seine Erfahrung, er hat schließlich in jungen Jahren die ganze Welt durcheinander gebracht.

Jonas Jonasson erzählt in seinem Bestseller von einer urkomischen Flucht und zugleich die irrwitzige Lebensgeschichte eines eigensinnigen Mannes, der sich zwar nicht für Politik interessiert, aber trotzdem irgendwie immer in die großen historischen Ereignisse des 20. Jahrhunderts verwickelt war.
(Bild- und Textquelle: carl`s book)

Meinung:

Der Debütroman des schwedischen Autors Jonasson erschien erstmals im Jahr 2009. Im Folgejahr war der Titel das am meisten verkaufte Buch in Schweden. Der Hundertjährige der aus dem Fenster stieg und verschwand stand auch in deutschen Bestsellerlisten auf Platz eins und erhielt durchweg positive Kritiken.

Allan Karlsson hat die Nase voll! Er hat keine Lust mehr, sich von der giftigen Altenpflegerin Alice bevormunden zu lassen. Und vor allem hat er keine Lust, seinen 100. Geburtstag mit dem Stadtrat und den ganzen anderen alten Leuten aus seinem Heim zu feiern. Deshalb steigt er kurzentschlossen aus dem Fenster.

Was dann beginnt, ist eine abenteuerliche Flucht. Unterwegs lässt Allan einen Koffer mit 50 Millionen schwedischen Kronen mitgehen, der eigentlich einer Gangster-Gruppe gehört. Mit diesem unerwarteten Gewinn beginnt für Allan ein später neuer Lebensabschnitt. Eine Meute von Polizisten, die “Never again”-Mafia-Truppe und eine Horde Journalisten jagen ihn. Doch Allan etabliert mit den Freunden, die er auf seiner Reise kennenlernt, in sein Geheimnis einweiht und zu Komplizen macht, ein eingeschworenes Team. Trotz etlicher Leichen, die leider und unvermeidlich am Wegesrand zurückbleiben müssen, löst sich später alles in Wohlgefallen auf: Eine saubere, stimmige Lügengeschichte überzeugt den Staatsanwalt von der allgemeinen Unschuld – und so endet dieser Plot wie im Märchen: Allan und seine Freunde reisen nach Bali, und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute dort.

Im Jahr 1905 beginnt der zweite Handlungsstrang. Da verarbeitet Jonas Jonasson, was sich in 100 Jahren Weltgeschichte zugetragen hat. Genauer gesagt: Indem er Allan von einem Schauplatz zum anderen schubst, erschafft der Autor ein bewundernswert kompaktes, treffsicher komprimiertes, in seiner Struktur stimmiges Panoptikum von Staaten und ihren Lenkern, Realitäten und Ideologien. Doch Achtung: Wer auf Humbug hereinfällt, ist selber Schuld. (Zum Beispiel gibt Allan, Sprengstoffspezialist durch learning by doing und ahnungslos in Physik, Robert Oppenheimer den entscheidenden Hinweis zum Bau der Atombombe …)

Kapitelweise wechseln sich Episoden aus Allans Odyssee in der Gegenwart und seine Auftritte auf dem Parkett der Weltpolitik ab. Allan, der Naiv-Unpolitische, purzelt ungewollt und zufällig mitten in die Krisenherde der Welt. Er erhält Einladungen von Regierenden unterschiedlichster Couleur – Stalin, Truman und Franco, um nur wenige seiner Gastgeber zu nennen -, denn alle versprechen sich Vorteile – zumindest guten Rat, wenn nicht gleich die Atombombe. Dass Allan ungeplant und ziellos (“Es kommt, wie es kommt.” S. 40) Einfluss auf das Schicksal der Welt nimmt, lässt Geschichte oft als sinnlose, paradoxe Groteske erscheinen, wie einige Beispiele illustrieren: Allan soll auf Wunsch des Schahs von Persien einen Anschlag auf Churchill durchführen – und vereitelt ihn dann auf geschickte Weise selbst. Allan bekämpft mit Chiang Kai-shek (der porträtiert wird als Pantoffelheld seiner Frau Song Meiling, einer guten Freundin Roosevelts und Strippenzieherin) den Vormarsch Maos und der Kommunisten – und befreit später Maos Frau Jiang Qing aus dem Gefangenenlager der Kuomintang. Mao, sein neu gewonnener Freund, bedankt sich dafür fürstlich bei ihm – mit Geld, das auf Umwegen aus den USA
stammt. Allan arbeitet für die CIA in Moskau und wirbt einen sowjetischen Physiker an – doch dessen Wissen gibt er jeder Seite weiter, wobei Dichtung und Wahrheit gewissenhaft und glaubwürdig vermischt werden. Konsequenterweise reagiert Allan allergisch, sobald die Machthaber ihn ideologisieren wollen, denn als Sozialist, Republikaner, Kommunist oder Faschist lässt er sich nie abstempeln.

Diesen auf anspruchsvolle Weise amüsanten Roman mit einer sympathischen Kunstfigur als Protagonist habe ich in die Liste meiner ganz privaten aktuellen Lesetipps aufgenommen.

Buchtipp von Susanne Heeb

Infos zum Buch:

Jonas Jonasson: “Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand”, 416 Seiten, carl’s books; Auflage: 24. Auflage, (29. August 2011)

ISBN 978-3570585016

[Buchtipp] "Fünf" von Ursula Poznanski

Infos:

Eine Frau liegt tot auf einer Kuhweide. Ermordet. Auf ihren Fußsohlen: eintätowierte Koordinaten. An der bezeichneten Stelle wartet ein grausiger Fund: eine Hand, in Plastikfolie eingeschweißt, und ein Rätsel, dessen Lösung zu einer Box mit einem weiteren abgetrennten Körperteil führt. In einer besonders perfiden Form des Geocachings, der modernen Schnitzeljagd per GPS, jagt ein Mörder das Salzburger Ermittlerduo Beatrice Kaspary und Florin Wenninger von einem Leichenteil zum nächsten. Jeder Zeuge, den sie vernehmen, wird kurz darauf getötet, und die Morde geschehen immer schneller. Den Ermittlern läuft die Zeit davon, sie ahnen, dass erst die letzte Station ihrer Rätselreise das entscheidende Puzzleteil zutage fördern wird …
(Bild- und Textquelle: Wunderlich)


Meinung:

Auf einer Kuhweide nahe Salzburg wird die Leiche einer Frau gefunden. Auf ihren Fußsohlen sind Zahlen und Buchstaben eintätowiert, die auf den ersten Blick keinen Sinn machen. Doch schnell erkennt Ermittlerin Beatrice Kaspary, dass es sich bei den Zeichen um Koordinaten handelt. Diese führen zu einem weiteren Fund: einer eingeschweißten Hand und damit einem neuen Opfer.

Es beginnt eine blutige Version des Geocaching, einer Art Schnitzeljagd, die weitere Tote fordert und auch Beatrice Kaspary in Lebensgefahr bringt.

Sie werden dieses Buch lieben, wenn …
Sie ein Freund von Rätseln sind und einen gut gemachten Thriller zu schätzen wissen. Geschickt baut die Autorin Ursula Poznanski in ihrem neuen Roman ‚Fünf‘ den Spannungsbogen auf, wirft immer wieder neue Hinweise auf den Täter in den Raum und entwirrt nach und nach das Knäuel der Hintergründe, die zu den Morden geführt haben.

Sie werden dieses Buch nicht mögen, wenn …
Sie schwache Nerven haben. Sie bekommen schon nach dem Sonntagskrimi im Fernsehen nachts kein Auge zu? Dann lassen Sie besser die Finger von Poznanskis ‘Fünf’.

Fazit:

Mittlerweile weiß ich, dass Bücher der Autorin Ursula Poznanski bedeuten: Telefon und Klingel ausschalten!
Mit “Fünf” beweist sie nach “Erebos” (und “Saeculum”) einmal mehr, dass dies auch dringend notwendig ist, denn ihre rasanten Storys lassen keinen Platz für Lesepausen oder anderweitige Unterbrechungen.

Der Grund liegt klar auf der Hand. Ihre Bücher besitzen eine unbeschreibliche Sogwirkung, sodass Bedürfnisse wie essen, trinken oder schlafen komplett ausgeschaltet werden. Sie hetzt ihre Leser gnadenlos von einer Seite zur anderen und macht sie zu Sklaven ihres temporeichen Schreibstils, der keinerlei Atempausen zulässt.

Dazu gibt’s noch Tipps für landschaftliche Sehenswürdigkeiten rund um Salzburg. Absolut lesenswert!

Buchtipp von Susanne Heeb


Infos zum Buch:

Ursula Poznanski: “Fünf”, 384 Seiten, Wunderlich; Auflage: 4 (16. Februar 2012) , ISBN 978-3805250313

[Buchtipp] "Raum" von Emma Donoghue

Bildquelle: Piper

Für Jack ist Raum die ganze Welt. Dort essen, spielen und schlafen er und seine Ma. Und dort versteckt sie ihn im Schrank, wenn Old Nick kommt … »Raum« trifft mitten ins Herz und wurde in den USA über Nacht zum Bestseller.

Auch seinen fünften Geburtstag feiert Jack in Raum. Raum hat eine immer verschlossene Tür, ein Oberlicht und ist zwölf Quadratmeter groß. Dort lebt der Kleine mit seiner Mutter. Dort wurde er auch geboren. Jack liebt es fernzusehen, denn da sieht er seine »Freunde«, die Cartoonfiguren. Aber er weiß, dass die Dinge hinter der Mattscheibe nicht echt sind – echt sind nur Ma, er und die Dinge in Raum. Bis der Tag kommt, an dem Ma ihm erklärt, dass es doch eine Welt da draußen gibt und dass sie versuchen müssen, aus Raum zu fliehen …
Meinung:

Die Geschichte beschreibt die Beziehung von Mutter und Sohn und trifft mitten ins Herz. Der 5jährige Jack ist genau so, wie wir uns einen Jungen in diesem Alter vorstellen. Neugierig, stellt Fragen, die ein Loch in den Bauch brennen, ist voller Tatendrang und neuer Ideen. Er ist trotzdem ein Kind, das Beistand und Liebe für sich beansprucht. Auch die Mutter ist eine Figur mit der man sich identifizieren kann. Sie wirkt echt, einfühlsam dabei aber nicht kitschig.

Ich finde diese Geschichte ein helles Licht am Roman-Himmel. Die Handlung fliesst ohne viel Aktion und ist mit vielen kleinen Details wunderbar bestückt. Trotzdem wird
der Spannungsbogen immer mehr aufgebaut und lässt uns mit den Romanfiguren bis am Schluss hoffen und bangen.

Emma Donoghue ist eine begnadete Schriftstellerin, die bereits zahlreicht Romane und Erzählungen geschrieben hat. Diesem Roman „Raum“ ist in den USA über Nacht zum Bestseller geworden.

Buchtipp von Prisca Schweizer

Infos zum Buch:

Emma Donoghue: “Raum”, 416 Seiten, Piper; Auflage: 4 (August 2011) ,
ISBN: 978-3492054669

[Buchtipp] "Die Schachspielerin" von Bertina Henrichs

Infos:

Das Zimmermädchen Eleni stößt eines Morgens beim Aufräumen eine Schachfigur um – und plötzlich ist nichts mehr, wie es war. Sie kann das geheimnisvolle Spiel der Könige einfach nicht vergessen. Als Eleni ein Trick einfällt, um das Schachspielen zu lernen, beginnt für sie ein Abenteuer mit unabsehbaren Folgen. Denn mit ihrer Leidenschaft riskiert sie bald ihre Ehe, ihren guten Ruf, ihr ganzes bisheriges Leben.
(Bild- und Textquelle: Diana Verlag)


meine Meinung:

Was eine umgeworfene Schachfigur nicht alles bewirken kann!

Als erstes muss ich betonenn, dass dieses Buch überhaupt nicht nur für Schachfans oder Leute, die Schach spielen können, ist. Es ist eher ein kleines Büchlein über Emanzipation, über Griechenland, über das Leben und den Kampf einer Frau.

Eleni ist 42. Dass sie auf der Touristeninsel Naxos lebt, hilft ihr wenig, ihr Leben aufregender zu gestalten. Sie hat einen Mann, zwei halbwüchsige Kinder und eine nicht mehr ganz tadellose Figur. Sie arbeitet als Zimmermännchen in einem der vielen Hotels. Ihr ganzes bisheriges Leben hat sie auf der kleinen Insel verbracht, noch nie ist sie verreist. Mit der Eintönigkeit ihres Lebens hat sie sich eigentlich schon abgefunden.

Doch dann wird alles anders. Aus Versehen stösst sie beim Putzen eines Hotelzimmers eine Schachfigur um und weiss nicht mehr, wo sie diese platzieren muss. Das lässt ihr keine Ruhe mehr. Doch ihr Mann, dem sie dann zum Geburtstag ein solches Spiel schenkt, hält davon überhaupt nichts. Sie bringt das Schachspiel aber nicht mehr aus dem Kopf. Hilfe findet sie bei ihrem 80jährigen ehemaligen Volksschullehrer Kouros, der ihr zeigt wie das Schachspiel funktioniert. Dadurch verstösst sie aber gegen die “ungeschriebenen Gesetzte” der Insel und ihre Familie, Freunde und Bekannte sind alles andere als begeistert. Kouros begleitet sie auf ihrem beschwerlichen Weg zur Selbstfindung und Unabhängigkeit.

“Die Schachspielern” ist der Debütroman von Bertina Henrichs. Er liest sich leicht und flüssig, hat aber durch die Thematik auch wirklich Tiefgang. Mir hat die Geschichte sehr gut gefallen und ich werde das Buch bestimmt demnächst mal wieder verschenken.


Fazit:

Ein wirklich schönes Buch, das einem Mut macht, Wünsche zu haben und diese auch erfüllen zu wollen.


Infos zum Buch:

Bertina Henrichs: “Die Schachspielerin”, 176 Seiten, Diana Verlag (2. Juli 2007)
ISBN: 978-3-453-35172-1


[Buchtipp] "Gute Geister" von Kathryn Stockett

Infos:

Jackson, Mississippi, 1962: Die junge Skeeter ist frustriert. Nach dem Studium verbringt sie die Tage auf der elterlichen Baumwollfarm, als einzige ihrer Freundinnen ohne einen Ring am Finger. Sehr zum Missfallen der Mutter. Doch der Mann, mit dem ihre Freundinnen sie verkuppeln wollen, ist ein hochnäsiger Snob. Und dann ist auch noch ihr schwarzes Kindermädchen, bei dem sie stets Trost fand, spurlos verschwunden. Skeeter wünscht sich nur eins: Sie will weg aus dem engen Jackson und als Journalistin in New York leben. Und um diesem Ziel näher zu kommen, verbündet sie sich mit zwei Dienstmädchen, die ebenso unzufrieden sind wie sie: Aibileen zieht inzwischen das siebzehnte weiße Kind auf. Doch nach dem Unfalltod ihres einzigen Sohnes ist etwas in ihr zerbrochen. Und Minny ist auf der Suche nach einer neuen Stelle. Sie ist bekannt für ihre Kochkünste, aber sie ist auch gefürchtet: Denn Minny trägt das Herz auf der Zunge. Und gemeinsam beschließen die drei außergewöhnlichen Frauen, gegen die Konventionen ihrer Zeit zu verstoßen und etwas zu wagen. Denn sie alle haben das Gefühl zu ersticken und wollen etwas verändern – in ihrer Stadt und in ihrem eigenen Leben.
(Bild- und Textquelle: btb)


Meine Meinung:

Der Roman beginnt in Jackson, Mississippi im Jahr 1962. Wie alle Frauen in Jackson soll die junge Skeeter einen Mann zum Heiraten finden. Ihr Studium ist fertig und sie sitzt fest auf der Baumwollfarm ihrer Eltern. Zudem ist das schwarze Kindermädchen bei dem sie Trost erhofft verschwunden.

Sie hat nur ein Ziel: Sie will nach New York und dort Schriftstellerin werden. Doch dafür braucht sie einen einschlagenden Bericht damit sie eine Chance auf eine Aufnahme in einem Zeitungsverlag erreichen kann.

In dieser Not verbündet sie sich mit zwei schwarzen Dienstmädchen Aibileen und Minny und lässt sich den zum Teil brisanten Alltag von Ihnen und anderen schwarzen Frauen über ihre Arbeitgeber, dessen Kinder sie aufziehen, erzählen. Sie beschliessen das Skeeter ein Buch aus diesen Lebensgeschichten schreiben soll.

Drei Frauen die der Gefahr des Entdeckens durch weisse Mütter trotzen, sich selber helfen und dabei auch ihre Vergangenheit bewältigen müssen. Gleichzeitig erfährt man von den politischen Veränderungen in diesem Teil des Landes, das auch diesen drei Frauen in ihrem Handeln bestärkt.

Die Geschichte ist fiktiv, doch sie gibt uns einen möglichen Einblick in den Alltag von Schwarzen Arbeitern und ihren weissen Arbeitgebern in den 60er Jahren.

»Gute Geister« ist Kathryn Stocketts erster Roman, der dank Mundpropaganda zu einem phänomenalen Überraschungserfolg wurde. Er kletterte auf Platz 1 der New-York-Times-Bestsellerliste und hält sich nunmehr seit 100 Wochen auf den ersten Rängen.

Unter dem Titel “The Help” läuft die Verfilmung des Romans gerade in unseren Kinos. Ich habe ihn nicht gesehen, denke doch, dass das ein spannender, hintergründiger und trotzdem witziger Film sein könnte.

Buchtipp von Prisca Schweizer

Infos zum Buch:

Kathryn Stockett: Gute Geister, 608 Seiten, btb Verlag (28. März 2011)


[Buchtipp] "Der Regler" von Max Landorff


Das Cover ist ein Eyecatcher und liegt momentan in jeder Buchhandlung auf. Der erste Thriller von Landorff, schreibt er unter Pseudonym. Das hat mich neugierig gemacht ..

Inhalt:

Gabriel Tretjak ist der Regler. Für die Mächtigen und Reichen regelt er alles- Liebe, Karriere, Sex und Geld. Bis die bestialischen Morde geschehen und er erkennen muss: Du kannst alles regeln nur nicht deine Vergangenheit.
(Bildquelle: Scherz)

meine Meinung:

Ein moderner James Bond, der die privaten Angelegenheiten reicher Leute erledigt. Ein Profi, der die Vergangenheit hinter sich lässt, und die Zusammenhänge von Emotionen und Denken erforscht und diese Erkenntnis scheinbar gezielt für seine Aufträge einsetzt. Für mich ein äusserst guter Unterhaltungsthriller, der nicht allzu brutal daherkommt und noch verdaulich ist. Für den Regler gibt es keine Wahrheit, sondern nur eine konstruierte Wahrheit. Für ihn ist die menschliche Seele, eine Art Fabrik, die es zu erforschen gilt. Eine undurchsichtige Story, mit vielen Fährten, Spuren, die mit so mancher unvorhergesehener Überraschung aufwartet…bis eine völlig unscheinbare Person immer mehr in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gelangt. 
Eine Story die davon erzählt, inwiefern wir die Macht haben uns Schicksal zu korrigieren. Ein Profi an der Grenze zum Kriminellen, ein ausgefuchster “Regler”, der alle Mittel der Manipulation zu beherrschen scheint. Dabei kann die Sprache schon fast poetisch wirken.

Fazit:

Ein klasse gemachter Thriller, dessen Brutalität sich
in Grenzen hält, dafür aber an Raffinesse und Cleverness, sich selbst zu
übertreffen scheint.



Infos zum Buch:

Max Landorff: Der Regler, 335 Seiten, Scherz Verlag, 3. Auflage 2011, für Erwachsene

erwachsene Belletristik




Elia Barcelo: Töchter des SchweigensUrsula Poznanski: Fünf